Den Umbruch zum Aufbruch nutzen – Was wird aus den Kirchengemeinden?

Dieser Frage geht ein ökumenisches Seminar zur Kirchenentwicklung vom 29. bis 30. September im Stift nach. Dr. Martin Reppenhagen kennt bestens die Herausforderungen von Kirchengemeinden aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Gemeindepfarrer, Wissenschaftler, Gemeindeentwickler und als Person der kirchlichen Leitung. Wir haben ihn vorab befragt:

„Wie soll das Konzept der Kirchengemeinden künftig aussehen? Heimat oder Servicecenter? Integration oder Sendung? Sozialform für alles oder doch mit klarem Profil?“ So haben wir in unserer Einladung die Polaritäten beschrieben.
Welche Spannungen und welche Tendenzen nehmen Sie als Dekan in Karlsruhe-Land am stärksten in den Kirchengemeinden wahr?

Vor etwa 30 Jahren hätte man versucht, diese Fragen eindeutig zu beantworten und sich klar zu positionieren. Gemeindeentwicklung geschieht da, wo zur Orgel die Gitarre kommt, wo sich der alternative Gottesdienst am Abend zum traditionellen Sonntagmorgen gesellt. Vieles ist damit gelungen. Doch zeigt sich die Realität komplizierter oder gar komplexer, sodass die Antworten mittlerweile zurückhaltender und vorsichtiger ausfallen. Aus "best practice" Beispielen wurden "good practice" Beispiele. Mittlerweile ist man gar gewillt, darauf hinzuweisen, dass jeder Kontext einzigartig ist. Noch gestern belastbare Selbstverständlichkeiten sind fraglich oder brüchig geworden. Wer sich mit Fragen der Gemeinde- und Kirchenentwicklung beschäftigt, sieht sich pluralen Stimmen ausgesetzt. Nachdem ich Anfang des Jahres Tillmann Prüfers (Stilchef bei der ZEIT und Kosmopolitaner) Buch "Weiß der Himmel ...? Wie ich über die Frage nach Leben und Tod stolperte und plötzlich in der Kirche saß" las, kann ich nicht mal mehr sagen, dass die Kirche hipp werden muss, um hippe Menschen ansprechen zu können. Die eine Strategie für alle hat sich überlebt. An ihre Stelle ist die Kontextorientierung getreten, mit der im gemeinsamen Hören aufeinander und auf Gottes Wort Gemeinde entwickelt wird.

Sie haben sich jahrelang wissenschaftlich mit Gemeindeentwicklung in Greifswald beschäftigt. Welche Erkenntnisse aus dieser Zeit versuchen Sie in der Begleitung der Kirchengemeinden einzubringen und fruchtbar zu machen?

Ich will meine Antwort mit zwei Beispielen aus meiner jetzigen Tätigkeit als Dekan verdeutlichen. So führte ich aufgrund meiner Vernetzungen aus Greifswalder Zeiten Studienfahrten zu innovativen Gemeindeprojekten in Holland und Thüringen an. Ich frage nach, wie wir in unseren Gemeinden und an den verschiedenen Orten "Zachäusmenschen" entdecken und ihnen begegnen. Zachäusmenschen sind jene, die aus der Distanz Kirche beobachten, die sich noch keine klare Meinung über den Glauben gemacht haben, die sich aber durchaus darauf ansprechen lassen.

Unsere Seminare zur ökumenischen Kirchenentwicklung haben folgende Grundlage und Zielsetzung in einer zunehmend postkonfessionellen Welt: „ Alles was Christinnen und Christen unterschiedlicher Konfession gemeinsam tun können, sollten Sie auch zusammen anzugehen und die gemeinsame Sendung in der Welt entdecken.“ Wie stehen Sie dazu und was nehmen Sie wahr?

„Für eine gespaltene Kirche ist die Welt zu stark“, hat es mal der frühere lutherische Erzbischof von Uppsala und Friedensnobelpreisträger Nathan Söderblom genannt. Und ich ergänze: Was wäre es für ein Glaubenszeugnis, wenn Christenmenschen einer Welt, die sich ständig fragt, wie können wir bei allen Verschiedenheiten und Differenzen zusammen leben, Gemeinschaft in versöhnter Vielfalt vorleben? Dabei ist in einer postkonfessionellen Zeit, in der die kirchlichen Unterschiede für viele immer unbedeutender werden, die confessio im Sinne des Glaubenszeugnisses des Einzelnen und von Gemeinschaft wichtiger geworden.