Unter der Linde – ein „Heimkehr-Ritual“

Samstagvormittag – meine Blicke schweifen vom Büro hinaus in den Stiftshof. Ist das nicht Helmut Haussmann, der frühere Generalsekretär der FDP und Bundeswirtschaftsminister, der sich unter der Linde einen Platz sucht, Zeitungen ausbreitet und zu lesen beginnt? Ob ich ihn unterbrechen und ansprechen soll? - Ich tu’s und begegne einer zugewandten Persönlichkeit, dem Politiker und Professor für internationales Management, einem Menschen, geprägt von hohem Engagement und reicher Lebenserfahrung. Ich frage:

Herr Haussmann, Sie halten sich gerne bei uns im Stiftshof auf. Was bedeutet das Stift und das Hiersein Ihnen?

» Zunächst: Ich bin Bad Uracher, in Tübingen geboren, lebe ich hier: die Verbindung zwischen der Universität Tübingen und dem Stift ist ja eine große theologische Tradition. Zweitens, da ich trotz „70 plus“ immer noch sehr viel weltweit - Berlin, Nürnberg, Universität Tübingen - die Woche über unterwegs bin, abseits meiner Heimatstadt, gehört das Stift am Wochenende zu einem gewissen Heimkehr-Ritual.

Es beginnt damit, dass ich morgens auf dem Markt einkaufe. Danach höre ich in der Sommerzeit das schöne Orgelkonzert. Die Kirche verlasse ich zum Stiftshof hin, teste und genieße den Kräutergarten und lasse mich dann auf eine der schönen Holz-Natur-Bänke nieder; meine gesamte Wochenendliteratur, FAZ, Spiegel, ZEIT bringe ich dazu mit.

Der Vorteil hier ist eben die Tradition, die Abgeschiedenheit, trotzdem die Offenheit nach oben, die einem, - heute würde man sagen - die Predigt zulässt. Ein tiefes Lesen, ich bin kein E-Book-Fan. Ich bin immer noch ein Bücher- und Papierfan. Und das gelingt hier am besten, natürlich wenn die Sonne stark scheint, unter der Linde, mit Blick auf den Kirchturm. Und das 12 Uhr-Geläute gehört dazu. Es ist im Grund ein Ritual, das einen erdet, um es so zu sagen. «

Wie schön, dass gerade jetzt die Glocken zu läuten beginnen. Herzlichen Dank für das Gespräch.